Andreas

Fotograf | Landshut, Essenbach, Bonn


„Erzähl deine Geschichte“, hat sie gesagt.

 

Könnte ich machen. Ich könnte euch von jemandem erzählen, der in seiner Kindheit oder Jugend sexuell missbraucht wurde. Oder von jemandem, der jeden zweiten Tag auf dem Schulhof verdroschen wurde. Von jemandem, der mit schweren Verlusten zu kämpfen hatte oder hat. Jemandem, der homosexuell ist und es versteckte, immerzu. Der seinem Empfinden nach im falschen Körper geboren wurde.

 

Oder von mir.

Ich kann euch von Zurückweisung, Außenseiterdasein, Einsamkeit, Übersensibilität, Unsicherheit, Konzentrationsstörungen, Ticks und Phantasiewelten erzählen.

Von jemandem, der immer schwach auf der Brust war, der selten ernst genommen wurde, der immer als zu feminin und zu unmännlich angesehen wurde, weil er nicht soff wie ein Depp oder sich prügelte, weil er nicht auf Fußball, die neuesten Charthits und Fernsehserien stand, weil er las, weil er irgendwann angefangen hat, sich zu schminken, Herrenröcke zu tragen und grundsätzlich in schwarzen und seltsamen Klamotten herumzulaufen.

Von einem, der nie verprügelt oder missbraucht wurde, der kein großes Trauma erlitten hat, der von sich selbst sagt, er litt und leidet an Wohlstandsdepressionen.

 

Woher kommen also meine Narben?

Von allem, was da oben steht und mehr. Man braucht nicht das eine Trauma, das alles auf den Kopf stellt, um Depressionen zu haben. Man muss weder besonders intelligent sein noch sonst irgendwas, um grundlos oder aus scheinbar kleinen Gründen heraus traurig zu sein.

Vielen reichen Regentage, ein etwas emotionsloses „Tschüß“ geliebter Menschen am Telephon, ein trauriger Film, ein toter Vogel auf der Straße oder ein Lied. Man vermutet mich ja aufgrund des Äußeren wohl erstmal in einem musikalischen Konstrukt aus Metal, Punk, Gruftiezeug. Stimmt ja ooch. Aber was mich wirklich berührt...tja, andere Gefilde. Ich habe geheult, wenn Fields of Gold von Sting lief. Fleetwood Mac mit Gypsy haben mich zu Tränen gerührt, Eve Cassidys Version von Time after Time an einem See in der Nacht hat mich flennen lassen. Eine der für mich ergreifendsten Melodien ist die Ode an die Freude und ich bekomme feuchte Augen bei Hans Söllners „Für die Gabi B.“

 

Ja, ich habe Gefühle. Viel zu viele. Und zu wenig Zugang dazu, quasi zu wenig Gefühl für meine Gefühle.

Sie jahrelang zu verdrängen hat mich bei vielen Leuten beliebt gemacht, Leuten, die Perfektion und Außergewöhnlichkeit erwarten, so wie ich das tat. Sobald ich mich menschlich zeigte, bröckelte das Bild dieser Leute von mir und weg waren sie. Klar, ich war damals untröstlich, heute bin ich froh darüber.

Es gingen auch andere. Es gingen gute Freunde, sogar beste Freunde, Beziehungspartner aufgrund fehlender Kommunikation, Unverständnis, lächerlichem Stolz, blanker Dämlichkeit bei der Einschätzung ihrer eigenen Gefühle oder weil einfach... ich weiß nicht, weil die Freundschaft oder Liebe einfach... weg oder nie da war.

Verluste, Sehnsucht, Träumereien und deren Scheitern an der Realität... all das war und ist schwierig für mich zu verkraften.

 

Das Herz zerbricht nie ganz, es reißt nur jeder ein Stück heraus, der geht. Jeder Mensch, jeder Traum. Bis etwas übrig ist, dass man vor allem schützen will wie ein Neugeborenes. Und das ist ein Zustand der Empfindlichkeit, den zu verkraften die wenigsten in der Lage sind.

 

Ich war es nicht und auch heute fällts mir schwer.

Ich bin immer offen und selten ehrlich mit meiner Störung umgegangen. Habe meine Narben nur anfangs, nur vor einer Person versucht zu verstecken. Und als sie sie sah, war sie so erschrocken, dass sie kein Verständnis hatte und ich bis ins Mark getroffen war davon.

Damals.

Heute, Mama, versteh ich dich. Professioneller Umgang mit Menschen wie mir ist etwas für Leute, die ihn erlernt haben. Von einer guten Mutter kann man unmöglich erwarten, nicht emotional zu reagieren.

 

Das sind einige Aussagen, Bruchstücke meiner „Geschichte“, der vermutlich siebte oder achte Versuch, diesen Text hier von Dingen zu befreien, die mich verzerrt darstellen. Ich denke, ich belasse es bei diesem.

Warum ich so offen und jetzt auch ehrlich über mich schreibe, mich Anfeindungen und der Lächerlichkeit preisgebe? Potentiellen Verletzungen oder dem Ausnutzen meiner hier beschriebenen Schwächen?

Weil ich weiß, dass du das lesen wirst. Weil ich denke, dass du verstehen wirst. Weil ich hoffe, dass du hoffen wirst. Und weil es, auch wenn es hier um mich geht, es eben nicht nur um mich geht, sondern genausosehr um dich.

 

Hinter diesen Augen, die manchmal starren, als gäbe es hinter tausend Stäben keine Welt, unter diesen Narben und um dieses Herz herum ist ein Mensch, ein junger Mann, der vieles erlebt und erreicht hat, das er sich nie zugetraut hätte. Der Stolz verspürt, genauso wie Bedauern, Freude genauso wie Traurigkeit, der akzeptieren lernt, dass es zum Leben gehört, Menschen aus verschiedensten Gründen zu verletzen und verletzt zu werden.

Härte blockt nur ab, Stärke integriert.

Wer immer nur das Gute will, kann nie mit dem Schlechten umgehen, also...nimm es wie es kommt und lerne, damit umzugehen. Nur...gib nicht auf.

 

Ich kenne dich nicht, aber ich kenne mich. Und aus mir wurde jemand, der auch durch sein Leid anderen helfen konnte und kann, der stolz auf vieles in seinem Leben ist und der viel und immer mehr Freude daran hat, einfach er zu sein, der gemocht und geliebt wird, manchmal sogar von sich selbst. Also ja, ich schließe mit der billigsten aller Plattitüden und zwar im Brustton der Überzeugung: Kopf hoch, das wird. Solange du bereit bist, dir die Chance dazu zu geben und an dir zu arbeiten.