Reine Nervensache

Fotograf | Landshut, Essenbach, Bonn

 

Ungern verliere ich böse Worte über mein Gegenüber und unhöflich werde ich auch nur widerwillig. Aber ab und an muss man in sich hineinschimpfen und -zetern. Ein Sommergewitter reinigt ja schließlich die Luft. Und manchmal muss man sich schon wundern. Wahrscheinlich geht es auch anderen Fotografen so, wäre interessant!

 

1. Technische Fachsimpelei und das liebe Geld

„Wie ist denn die Schärfeleistung des Objektivs bei der Offenblende?“

„Nur 800 Euro? Das kann nix Gescheites sein!“

Und so weiter. Klar ist es wichtig, sich ein wenig auszukennen, immerhin hat man ein technisches Gerät in der Hand, das gut gehandhabt sein möchte. Allerdings werden vom technischen Verständnis allein noch keine guten Bilder aus deinem 7.000-Euro-Kasten kommen. Sich dann darüber auszutauschen, ob jetzt die Größe des Sensors oder die Anzahl der Pixel ausschlaggebend ist, ist müßig.

 

2. So manches Model

Nicht oft schafft es ein Model, mich zur Weißglut zu bringen, aber vorkommen tut das natürlich hin und wieder.

Das fängt bei Standardnachrichten an wie „hey, ich würd gern Fotos machen, wie schaut’s aus?“ ohne Grüße, ohne Foto, ohne Vorstellung. Darauf antworte ich eigentlich schon gar nicht mehr. Eine Bewerbung sieht anders aus, das ist reine Zeitverschwendung. Ich find’s unhöflich und nervig.

Dann gibt es die Models mit „jahrelanger“ Erfahrung und beim Shooting erlebt man sein blaues Wunder. Ein Standardgesichtsausdruck, eine Pose, keine Flexibilität, kein Körpergefühl. Gerade bei TfP-Shootings soll für beide Parteien etwas rausspringen, da hilft es nichts, wenn die Anweisungen des Fotografen konsequent ignoriert werden. Danach wundert man sich beim Durchgucken der Bilder, warum man überall ein Doppelkinn hat oder der Gesichtsausdruck so merkwürdig ist. Auch die unvorteilhafte Pose hätte man ja eigentlich vermeiden können, wenn man auf die Anweisungen reagiert hätte. Ein guter Fotograf weiß, was er will und sieht deine Posen anders. Wenn man  vorgibt, Erfahrung zu haben, dann erwartet man das auch von einem. Ansonsten muss man einfach ehrlich sein und sich eingestehen, dass die Erfahrungen leider nur von Selfies herrühren.

Eine weitere anstrengende Angewohnheit ist das versuchte Vorschreiben von Bearbeitungsmethoden oder gar der Bearbeitung an sich. Man sucht sich einen Fotografen zum Shooten doch gerade aufgrund dessen Stil und dessen besonderer Bearbeitung aus. Im Nachhinein dann alles infrage zu stellen, was dessen Bildstil ausmacht, ist irgendwie merkwürdig. Sich dann aber dennoch zwanzig Bilder samt allen unbearbeiteten Fotos rauszusuchen, grenzt an manches Verständnis.

 

3. Der Freunde-Bonus

Wir waren mal gemeinsam in der Grundschule und haben uns auch total gut auf der Party anno dazumal verstanden. Dafür sollte eigentlich ein Freundschaftsbonus rausspringen. Ja, das kann man machen, man muss es aber nicht machen. Einen Freundschaftsbonus gibt es nicht. Grundsätzlich davon auszugehen, dass man eine Hochzeit vergünstigt bekommt oder ein Shooting kostenlos bekommt, ist nicht gerade fein.

 

4. „Das kann man ja in Photoshop retuschieren“

Keine Frage, das Programm ist grandios. Ich möchte es mir nicht mehr nehmen lassen müssen, weil es einfach toll ist. Man kann wirklich fast alles in Photoshop machen.

Das ist aber kein Freifahrtschein für das Verschweigen von Akne oder Übergewicht, wenn man für ein Beautyshooting oder ein Kleid in Größe 34 gebucht ist. In vielen Köpfen ist verankert, dass Fotografie gar nicht mehr schwer sei, weil es ja eh einen geheimen Knopf in Photoshop gibt, der automatisch die Fotos gut aussehen lässt. Das ist doch dämlich und frustrierend. Auch hier muss die Technik erst einmal erlernt werden und die Arbeit mit Photoshop braucht meistens ungeheuer viel Zeit.

 

 

Vermutlich fühlt man sich bei dem Text ein bisschen auf den Schlips getreten oder vor den Kopf gestoßen. Aber vielleicht denkt sich auch der ein oder andere: „Ja stimmt, das kenn ich! Ist ja witzig, dass es nicht nur mir so geht!“ Und das freut mich :-)!